Wertschöpfung als Kompass
Digitale
Souveränität
braucht mehr
als Cloud und KI
Als Deutschland und Frankreich zu Mitte Juni dieses Jahres ihr gemeinsames Papier zu Kriterien digitaler Souveränität vorlegten, richtete sich die öffentliche Aufmerksamkeit vor allem auf die Cloud- und KI-Industrie. Dass sich hinter der Debatte um Rechenzentren, Chips und Algorithmen eine noch grundlegendere Frage verbirgt, wird dabei leicht übersehen: Wer die Infrastruktur kontrolliert, über die wirtschaftliches Handeln in Europa tatsächlich abgewickelt wird, bestimmt langfristig auch deren Handlungsfähigkeit.
Prof. Dr. Dennis-Kenji Kipker ist ein führender Cybersicherheitsexperte und Gründer des cyberintelligence.institute. Er berät unter anderem die Bundesregierung und die EU-Kommission. 2025 setzte ihn das Magazin Capital auf die Liste der „Top 40 unter 40“. Die Auszeichnung würdigt Persönlichkeiten, deren Arbeit als besonders einflussreich und zukunftsweisend gilt.
Der Zahlungsverkehr ist dafür ein Musterbeispiel, weil er kritische Infrastruktur, geopolitische Abhängigkeit und tägliche Lebenswirklichkeit so eng miteinander verbindet wie kaum ein anderer Bereich.
Souveränität beginnt an der Ladenkasse
Mit rund 100 Millionen ausgegebenen Karten zählt das deutsche girocard-System zu den größten kartenbasierten Zahlverfahren Europas und veranschaulicht zugleich, wie digitale Souveränität im Zahlungsverkehr praktisch aussehen kann. Anders als bei den großen internationalen Kartensystemen liegen Betrieb, Datenverarbeitung und strategische Steuerung innerhalb der Europäischen Union. Vergleichbare Strukturen finden sich in mehreren europäischen Nachbarländern, deren nationale Debitsysteme auf ähnlichen Prinzipien beruhen. Diese gewachsene Infrastruktur verdient deshalb in Zeiten zunehmender globaler Unsicherheit eine politische Flankierung, die ihre Rolle im europäischen Zahlungsverkehr auch künftig absichert.
Wertschöpfung als neues Kriterium europäischer Souveränität
Bemerkenswert an dem aktuellen deutsch-französischen Papier ist, dass es wirtschaftliche Wertschöpfung erstmals als eigenständiges Souveränitätskriterium benennt. Nicht allein der Speicherort von Daten soll damit künftig darüber entscheiden, ob ein digitales Angebot als souverän gelten kann, sondern auch, wo Arbeitsplätze, Forschung und operative Kontrolle tatsächlich verankert sind. Übertragen auf den Zahlungsverkehr, bedeutet dieser Gedanke, dass europäische Systeme nicht allein aus Gründen der Datenhoheit, sondern auch aus industriepolitischer Überzeugung gestärkt werden sollten. Jede Transaktion, die über eine europäisch kontrollierte Infrastruktur läuft, schafft Beschäftigung, Steueraufkommen und technologische Kompetenz innerhalb der EU, während Gebühren für außereuropäisch dominierte Systeme diesen Wirtschaftskreislauf verlassen.
SWIFT und die Verwundbarkeit einer globalisierten Infrastruktur
Wie verwundbar eine auf wenige außereuropäische Anbieter konzentrierte Zahlungsinfrastruktur sein kann, zeigt der Blick auf das internationale Netzwerk SWIFT der Society for Worldwide Interbank Financial Telecommunications, dessen Nutzung wiederholt zum Instrument geopolitischer Auseinandersetzungen wurde. Der Zahlungsverkehr ist damit längst nicht allein mehr eine Frage betriebswirtschaftlicher Effizienz, sondern ein Element strategischer Resilienz, von dem zahlreiche weitere Wirtschaftsbereiche abhängen. Ein Kontinent, der seine eigene Zahlungsinfrastruktur nicht beherrscht, begibt sich in eine Abhängigkeit, die sich in Krisenzeiten empfindlich auswirken kann. Vor diesem Hintergrund gewinnt der Aufbau europäischer Alternativen, wie sie mit der girocard und vergleichbaren nationalen Systemen sowie mit Wero von der European Payments Initiative (EPI) verfolgt werden, eine strategische Bedeutung, die weit über den einzelnen Zahlungsvorgang hinausreicht.
Politische Konsequenzen für den europäischen Zahlungsverkehr
Daraus ergibt sich eine klare Erwartung an die politischen Entscheidungsträger in Berlin, Paris und Brüssel: Die im deutsch-französischen Papier jüngst formulierten Kriterien für Cloud- und KI-Systeme sollten konsequent auf den Zahlungsverkehr übertragen werden, denn auch hier entscheiden der Sitz der rechtlichen Steuerungseinheit, die technische Kontrolle über Infrastruktur und Daten sowie der Ort der Wertschöpfung darüber, ob von digitaler Souveränität gesprochen werden kann. Eine Privilegierung europäischer Zahlungssysteme, sei es durch regulatorische Vorgaben, öffentliche Beschaffung oder gezielte Förderung, würde nicht nur die wirtschaftliche Resilienz und Krisenfestigkeit Europas stärken, sondern auch ein Signal an die eigene Industrie senden, dass sich Investitionen in digitalsouveräne europäische Infrastruktur langfristig und für alle auszahlen. //
Das cyberintelligence.institute (CII) in Frankfurt am Main und Berlin entwickelt an der Schnittstelle von Wirtschaft und Wissenschaft, NGOs und Start-ups neue Lösungen für eine sichere digitale Zukunft. Kerngedanke sind die Kooperation, der Dialog und der interdisziplinäre und globale Informations- und Wissensaustausch, um Staat, Wirtschaft und Gesellschaft resilienter zu machen. Gefragt sind dabei ganzheitliche Konzepte, die Cybersicherheit nicht nur als abstrakte, technisch-organisatorische Gewährleistungsverantwortung, sondern als gesamtgesellschaftliche Aufgabe zum Schutz gemeinsamer europäischer Werte verstehen. Damit tritt das CII aktiv für mehr digitale Sicherheit in einem Zeitalter neuer digitaler Herausforderungen ein.