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ProCHIP Das Online-Magazin der Initiative Deutsche Zahlungssysteme e. V. // 2026

Privatwirtschaftliche Zahlungssysteme

Baustein für
digitale Souveränität

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Die vergangenen Jahre haben unseren Blick auf Souveränität verändert. Resilienz und wirtschaftliche Handlungsfähigkeit hängen heute maßgeblich davon ab, ob Europa seine kritischen Infrastrukturen selbst gestalten kann. Dazu gehört auch der Zahlungsverkehr. Gerade jetzt, da die europäischen Trilogverhandlungen zum digitalen Euro in ihre entscheidende Phase eintreten, werden die Weichen dafür gestellt, wie souverän Europa seine Zahlungsinfrastruktur künftig ausgestaltet.

Für uns Banken und Sparkassen ist klar: Der Zahlungsverkehr ist Teil der wirtschaftlichen Infrastruktur und damit ein strategischer Faktor für Europas Handlungsfähigkeit. Wer den Zahlungsverkehr kontrolliert, kontrolliert Datenströme und hat damit Einfluss auf Märkte, Innovation und wirtschaftliche Souveränität.

Tanja Müller-Ziegler ist seit April 2023 Vorstandsmitglied des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR). Sie verantwortet unter anderem die Bereiche Banktechnologie und Innovation, Zahlungsverkehr, Betriebswirtschaft und Banksteuerung sowie das Personalmanagement. Vor ihrem Eintritt in den BVR war sie unter anderem Vorstandsmitglied der Berliner Sparkasse und stellvertretendes Vorstandsmitglied der Berliner Volksbank.

In allen Krisen bewährt

Den Weg zu mehr Souveränität zu beschreiten, bedeutet aber keineswegs, alles neu zu erfinden. Vielmehr gilt es, das Bewährte klug weiterzuentwickeln, Technologien mutig aufzugreifen und unsere Stärken als stabiles Fundament gezielt einzubinden, wenn es darum geht, Innovationen zu entwickeln und nicht nur auf solche zu reagieren. Es geht dabei nicht um Protektionismus, sondern um Chancengleichheit. Es geht darum, dass Europa nicht zum bloßen Spielfeld für außereuropäische Plattformgiganten wird.

Die gute Nachricht ist: Europa muss hier nicht bei null anfangen. Der europäische Zahlungsverkehr gehört zu den Bereichen, die so zuverlässig funktionieren wie Strom oder Wasser. Privatwirtschaftlich organisiert, verbindet er Bürgerinnen und Bürger, Unternehmen und Staaten milliardenfach – in Echtzeit und rund um die Uhr. Als Teil unserer kritischen Infrastruktur hat er sich in allen Krisen bewährt. In der nächsten Dekade wird es nun darum gehen, unsere strategische Resilienz und Souveränität zu stärken – gerade angesichts disruptiver Innovationen im Bereich künstlicher Intelligenz und der grundlegenden Veränderung, wie Menschen Zahlungsverkehr nutzen.

girocard als Basis für Souveränität

Souveränität bedeutet für uns konkret, dass der deutsche Mittelständler und der europäische Verbraucher auch in einer Dekade sicher sein können, dass ihre Daten und ihr Geld in einem rechtlichen Rahmen bleiben, den wir in Europa selbst gestalten. Hier haben wir mit SEPA und der girocard die Basis für zukünftige Souveränität etabliert. Sie sind leistungsfähige, privatwirtschaftlich organisierte Zahlungssysteme in eigener Hand. Die girocard ist im deutschen Handel tief verankert. Millionen Menschen zahlen täglich mit ihr – über acht Milliarden Mal im Jahr. Für viele Händler ist sie bis heute das wirtschaftlich attraktivste Kartenzahlverfahren und wird es auch bleiben, denn im Zahlungsverkehr gilt der große Stellenwert von Netzwerkeffekten heute stärker denn je.

In Ländern ohne solche Systeme dominieren internationale Anbieter. Das schafft Abhängigkeiten von Geschäftsmodellen sowie von strategischen Entscheidungen, die außerhalb Europas getroffen werden. Deutschland zeigt, dass es anders geht. Und genau deshalb ist die gemeinsame Weiterentwicklung europäischer Systeme so wichtig – auch bei Wero. Hier entwickeln wir ein gemeinschaftliches, grenzüberschreitendes Angebot zwischen Bürgerinnen sowie Bürgern und im Handel, welches eine echte Chance für den europäischen Zahlungsverkehr bildet.

Digitaler Euro stärkt europäische Unabhängigkeit

Und wenn wir über den souveränen Zahlungsverkehr in einer Dekade sprechen, dann kommen wir am digitalen Euro nicht vorbei. Dieser kann ein weiterer sinnvoller Baustein für europäische Unabhängigkeit sein, insbesondere in Ländern ohne eigene Systeme. Aber er muss von Beginn an richtig gestaltet sein. Denn ein digitaler Euro ist kein Selbstzweck, auch wenn die Debatte um ihn sehr stark von geopolitischen Aspekten geprägt ist. Er muss einen klaren Mehrwert für die Menschen und die Wirtschaft bieten, ohne dabei das bewährte Finanzsystem zu schwächen.

Ein realistisches Haltelimit ist nötig, um zu verhindern, dass es zu einer massiven Verschiebung von Einlagen hin zur Zentralbank kommt. Denn dieses Geld, die Einlagen unserer Kundinnen und Kunden, ist die Basis für die Kreditvergabe. Auch muss die zukünftige Koexistenz von staatlichen Zahlverfahren und privatwirtschaftlichen Lösungen genaustens kalibriert werden. Dies gilt für ein faires Entgeltmodell ebenso wie für den Verzicht auf staatliche Bezahlfunktionen in Form einer EZB-App. All dies sind Kernaspekte, um die bewährte Rollenverteilung zwischen Staat und Kreditwirtschaft nicht zu unterminieren.

Das Erreichte nicht verspielen

Die Nähe zu Kundinnen und Kunden, das Verständnis für deren Bedürfnisse und das Risikomanagement sind die Kernkompetenzen der Kreditwirtschaft, jetzt und auch in Zukunft. Europa steht vor der Aufgabe, seine wirtschaftliche Handlungsfähigkeit zu sichern. Nutzen wir unsere Stärken, statt gut funktionierende Strukturen zu schwächen oder durch immer weitergehende Regulation Kapazitäten zu binden, welche eigentlich für kluge Innovation nötig sind – sei es etwa im Bereich KI oder digitales Geld. Wenn uns das gelingt, dann wird Europa auch im digitalen Zahlungsverkehr eine selbstbewusste und souveräne Rolle spielen. //